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Autor: Jendrik Flach
Fotos: Jendrik Flach

Montage mit Meerblick

Es ist Ende Oktober in Seattle. Einer dieser Tage, an denen die Sonne noch einmal ihre Kraft zeigt. Jonas Pöpping steht in Arbeitskleidung am Ufer und schaut hinaus aufs Wasser. Der Arbeitstag liegt hinter ihm. Holzstaub haftet an seiner Kleidung. Vor ihm glitzert der Pazifik und dahinter wächst die Space Needle, das Wahrzeichen der Stadt, in den Himmel. In der Ferne zeichnet sich Mount Rainier ab. Genau diese Mischung aus Meer, Stadt und Bergen hat ihn hierhergezogen. Seit zehn Monaten lebt und arbeitet Jonas nun in Seattle.

Der Sprung über den großen Teich ist für Jonas kein Neuland. Bereits 2018 war er fast ein Jahr in Denver, Colorado. Ebenfalls als Bautischler. Beim ersten Mal war vieles neu. Heute ist er froh, dass er diese Erfahrung schon einmal gemacht hat. „Ich wusste diesmal, was auf mich zukommt“, sagt Jonas. „Das Einleben, die Sprache, das Werkzeug. Vieles war einfacher als beim ersten Mal.“

Wie schon beim ersten Mal reiste Jonas mit Unterstützung von Journeyman in die USA. Die Plattform begleitet Handwerker von der Bewerbung über Visa-Formalitäten bis zum Alltag vor Ort, hilft beim Sammeln internationaler Berufserfahrung und beim Lernen neuer Techniken. Jonas ging es dabei nie um eine Auszeit. Er wollte in seinem Beruf weiterkommen. „Ich wollte halt arbeiten. Das machen, wo man Bock drauf hat“, sagt er.

Der Entschluss zurückzugehen

Nach der Rückkehr aus Denver lief in Deutschland zunächst vieles gut. Jonas war wieder bei Freunden und Familie und fand schnell Arbeit. Doch mit der Zeit merkte er, dass ihm die Möglichkeit zur Weiterentwicklung fehlte. „Es lief nicht mehr so, wie ich es gebraucht habe“, sagt er.

Der Gedanke an die USA war nie ganz weg. Ziemlich schnell wurde aus dem Gedanken eine Entscheidung. Und Seattle passte zu dem, was Jonas sucht. „Hier mit der Natur, mit dem Wasser und den Bergen. Das ist schon eine unschlagbare Kombination“. Und wenn von der Regenstadt Seattle die Rede ist, muss er häufig schmunzeln. „Ich vergleiche jede Woche das Wetter von zu Hause aus dem West Münsterland mit Seattle und da regnet es eigentlich mehr als hier.“

Baustelle am Wasser

In Seattle arbeitet Jonas bei Dowbuilt. Das Unternehmen baut im ganzen Land hochwertige Häuser und fertigt viele Bauteile in eigenen Werkstätten vor. Für Jonas beginnt die Zeit klassisch auf der Baustelle. Die ersten sieben Monate arbeitet er direkt am Wasser, im Westviertel. Bautischler Alltag, so beschreibt er es. Werkzeug, Material, Montage.

Und doch gibt es Unterschiede, die sofort spürbar sind. „Du musst dein eigenes Werkzeug kaufen“, sagt Jonas. Verbrauchsgegenstände, wie Sägeblätter übernimmt die Firma. Für Jonas ist das vor allem ein anderes System, an das man sich gewöhnen muss, so wie an Zoll statt Millimeter.

Eine Baustelle bleibt ihm besonders im Gedächtnis. Die Bauherren sind Künstler. Das Haus ist voller Ideen und individueller Wünsche. Kaum ein Bauteil gleicht dem anderen. Vieles entsteht in der Werkstatt und wird später auf der Baustelle angepasst. „So etwas habe ich in Deutschland oder Europa noch nicht gesehen“, sagt Jonas. Und trotzdem änderten sich Dinge auch dann noch, wenn man sie eigentlich schon fertig hatte. „Dann hieß es wieder, ah, wir wollen das doch wieder ein bisschen anders haben.“ Für Jonas und seine Kollegen heißt das: ruhig bleiben und Lösungen finden.

Als das Haus fertig war, gab es ein Open House, nur für die Firma. Kollegen kamen vorbei, liefen durch die Räume, blieben stehen und schauten sich das Ergebnis genau an. Für Jonas sind das ganz besondere Momente. Dann sieht man das Ergebnis monatelanger Arbeit auf einen Blick. „Man sieht dann schon, was man geschaffen hat“, sagt Jonas mit spürbarem Stolz in der Stimme.

Und manchmal hält sogar so eine Baustelle kurz inne. Vor den Fenstern tauchten Orcas im Wasser auf. Selbst Kollegen, die hier aufgewachsen sind, erleben das selten. „Dann stoppt einfach mal jeder für ein paar Minuten mit der Arbeit“, erinnert sich Jonas. “Wir haben einfach zugeschaut“.

Werkstatt Rhythmus und neues Leben

Nach sieben Monaten wechselte Jonas in die Werkstatt. Für ihn war das unkompliziert. „Ist egal. Ich mag beides“, sagt er. Hier beginnt der Tag anders. Um sieben Uhr ist Arbeitsbeginn mit Stretching für alle. Anschließend eine kurze Besprechung. „Was liegt für den Tag an, kommt irgendwas Besonderes rein, muss was fertig werden.“ Danach startet Jonas an den Maschinen. Möbel, Einbauten und Bauteile. Später werden sie auf die Baustellen gebracht und montiert.

Was Jonas im Alltag auffällt, ist der Umgang miteinander. „Die Menschen sind ein Ticken netter“, sagt er. Es wird mehr nachgefragt. Es wird öfter Danke gesagt. Für Jonas macht das einen Unterschied, weil es den Tag leichter laufen lässt. Wenn etwas unklar ist, fragt man. Wenn jemand kurz hilft, sagt man danke. Das ist kein großes Thema, aber man merkt es.

Auch außerhalb der Arbeit hat Jonas seinen Rhythmus gefunden. Am Wochenende zieht es ihn raus. „Hauptsächlich Wandern“, sagt er. Von Seattle aus ist man schnell in den Bergen. Und die Landschaft verändert sich je nachdem, in welche Richtung man fährt. „Im Osten vom Land sieht sie anders als im Westen. Im Norden von Washington sieht es wieder anders aus.“ Jonas sucht sich oft neue Strecken. Eine Region hat es ihm besonders angetan: die Alpine Lake Wilderness. Viele Bergseen. Viel Weite. Viel Strecke.

Sport gehört ebenfalls dazu. Vor allem American Football. Jonas ist oft im Stadion. Er geht hin, weil ihn die Stimmung packt und weil man in Seattle schnell merkt, wie groß das Thema ist. „Das Team hier in Seattle ist schon nicht schlecht. Das ist nicht mein Team, aber ich gehe trotzdem hier hin, weil die Stimmung super ist“, sagt er. Meist geht er nicht allein ins Stadion. Er geht mit Arbeitskollegen, die mittlerweile zu Freunden geworden sind.

Seine Familie und Freunde aus der Heimat fehlen ihm. Aber Jonas kann das gut einordnen. „Man weiß auch, dass die Zeit begrenzt ist. Man weiß, dass es danach wieder zurückgeht. Man weiß, dass man die Freunde wieder sieht.“

Sein Einsatz endet bald. Danach bleiben ihm noch 28 Tage, in denen er noch im Land bleiben kann. Wie es danach weitergeht, ist offen. „Also ich würde gerne länger bleiben“, sagt Jonas. Wenn das nicht klappt, kann er sich auch vorstellen, auch in ein anderes Land zu gehen. Neuseeland hat er dabei im Kopf. Städte, Berge und Wasser würden ihn auch dort reizen.

Bis es soweit ist, will Jonas die Zeit nutzen, wie er sie angefangen hat. Nicht als Pause, sondern zum Arbeiten. Weiter dazulernen. Und so viel wie möglich mitnehmen von dem, was ihn hier jeden Tag besser macht.

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