Sobald Kathi die Stallluke öffnet, kennt das Gequieke und Gegrunze kein Halten mehr. Die kleinen rosa Ferkel flitzen aufgeregt durch den Auslauf und wühlen sich neugierig durchs Stroh. Ein paar Meter weiter trotten die älteren Sauen gemütlich über die Wiese, suhlen sich im Schlammbad und lassen sich die Sonne auf die Borsten scheinen. Szenen wie aus einer heilen Welt. Auf dem Kirchthanner Biohof sind sie tägliche Realität.

Sanfte Hügel, weite Äcker, saftige Wiesen – Mitten im niederbayerischen Hügelland liegt der Betrieb, den Kathi gemeinsam mit ihren Eltern Regina und Alois führt. Hier ist vieles anders: die rund 500 Schweine können nach Belieben zwischen ihrem Stall und der angrenzenden Freifläche oder sogar der großen Weide wechseln. Mit viel Herzblut hat die Familie den Hof in einen Ort verwandelt, an dem Tierwohl großgeschrieben wird und Besucher nachhaltige Landwirtschaft hautnah erleben.

Entscheidungen gegen den Strom
Schon Kathis Eltern haderten mit dem ständigen Wachstumsdruck in der konventionellen Schweinemast. Beim Neubau eines Stalls wagten sie einen damals noch ungewöhnlichen Schritt, investierten in einen großzügigen Auslauf ins Freie, um ihren Tieren mehr Freiheit zu geben.
Kathi ist in und mit der Landwirtschaft groß geworden und wollte auch immer dabei bleiben. Die konventionelle Tierhaltung hatte sie lange Zeit abgeschreckt. „Zu viele Tiere auf zu wenig Raum, ohne jemals die Sonne zu sehen, das war für mich unvorstellbar“, erinnert sie sich und schmunzelt: „Damals war ich überzeugt, dass ich Ackerbäuerin werde.“ Mit dem Bio- und Tierwohlgedanken änderte sich ihre Zukunftsplanung.
Aus Überzeugung, aber auch aus wirtschaftlichen Gründen begannen die Eltern 2010 konsequent auf Bio umzustellen. Als der Hof 2015 das Naturlandsiegel erhielt, sprang der zündende Funke über. So konnte sie sich das plötzlich vorstellen: „Wenn es den Tieren gut geht, sie nach draußen können, im Boden wühlen und ihrem natürlichen Artverhalten nachkommen.“ Noch während ihres Landwirtschaftsstudiums stieg Kathi in den elterlichen Betrieb mit ein.

Mit Learning by Doing zur Direktvermarktung
Kathi wollte mehr, wollte auch wissen, was mit den Tieren nach der Schlachtung passiert. Daraus entstand die Idee, die Produktion und Vermarktung direkt in die eigenen Hände zu nehmen. Ein umgebauter Stall wurde zur eigenen Hofküche. Dort wird seitdem das Fleisch geschlachteter Schweine zerteilt, gewurstet, mariniert und weiterverarbeitet. Ohne Vorkenntnisse baute Kathi einen Online-Shop auf, kümmerte sich um das Marketing und machte sich mit Lebensmittel- und Hygienerecht vertraut
Heute reisen ihre Fleisch- und Wurstpakete mit Kühlpacks und nachhaltiger Hanf-Stroh-Isolierung pünktlich zum Wochenendgrillen oder Sonntagsbraten durch ganz Deutschland.
Während sich die Muttersauen auf der Weide grunzend in ihrem Schweinepfuhl suhlen, sitzen einige Meter weiter Besucher auf der idyllischen Terrasse des Hofladens, bei Kaffee oder kühlen Getränken und beobachten ihre Kinder, die mit leuchtenden Augen den Kaninchen-Streichelzoo entdecken. Was einst mit einem kleinen Kühlschrank begann, ist heute ein geräumiger Laden. Ursprünglich für interessierte Besuchergruppen aus Schulen oder Betrieben gedacht, war der Kühlschrank mit den eigenen Produkten ständig restlos ausverkauft. „Manchmal mussten wir fünfmal am Tag auffüllen und trotzdem war am Ende alles weg“, lacht Kathi.

Vom Einödhof zum Kleinod
Mit regelmäßigen Führungen und einem spielerischen Themenrundweg macht sie den Kirchthanner Hof für Groß und Klein erlebbar. „Landwirtschaft findet heute oft hinter verschlossenen Türen statt. Ich wollte, dass die Menschen verstehen, wo ihr Fleisch herkommt, wie wir arbeiten und warum wir es so machen“, sagt sie. Ihre anfängliche Zurückhaltung hat sie überwunden und berichtet inzwischen auf social Media offen über die Höhen und Tiefen des Hofalltags. Mit ihren Geschichten und persönlichen Eindrücken macht sie Landwirtschaft auch für Menschen greifbar, die keinen Bezug dazu mehr haben.
Innerhalb weniger Jahre hat Kathi es so mit ihren Eltern geschafft, den Familienbetrieb zu einem modernen und erfolgreichen Kleinod zu machen: Der Beweis, dass wirtschaftlicher Erfolg und Tierwohl Hand in Hand gehen können. „Natürlich gab es anfangs einige schlaflose Nächte – aber gezweifelt haben wir nie, weil wir überzeugt waren von dem, was wir tun“, strahlt Kathi: Bald sollen die ersten Ferkelgeburten und Säugezeiten auf der Weide stattfinden – ein weiterer Schritt für ihre Überzeugung.











