Endlose Wälder, verschlungene Küstenlinien, dunkle und kalte Wintertage – das sind nur einige der Herausforderungen, die die Arbeit bei der Feuerwehr in Norwegen mit sich bringt. May Tømmervold hat vor zwölf Jahren ihren Traumberuf für sich entdeckt. Sie erzählt von ihrem Weg in den Einsatz und davon, welche Rolle Teamgeist und gegenseitige Unterstützung spielen.
Früher wollte sie Kampfpilotin werden, heute bekämpft May Tømmervold das Feuer. In ihren acht Jahren bei den norwegischen Armed Forces hat sie einiges erlebt, in Afghanistan war sie als Bordschützin im Hubschrauber eingesetzt, um medizinische Einsätze abzusichern. Doch schon damals war ihr klar: Ihr ganzes Leben kann sie diesen Job nicht machen. Der Weg zur Feuerwehr eröffnete sich durch Zufall, fühlte sich aber an wie Schicksal.
„Ich wollte damals einen Kurs für Einsatzfahrten bei einer Feuerwache absolvieren. Das war das erste Mal, dass ich ein Feuerwehrhaus betrat und ein Löschfahrzeug sah“, erzählt May. Bereits bei der Vorstellung hätten die Ausbilder gefragt, ob sie nicht Interesse an dem Beruf hätte. „Das war mir vorher einfach nie in den Sinn gekommen, aber ab da setzten sie alles daran, mich zu überzeugen.“ Und mit Erfolg. Spätestens ab der Demonstration des Flash Over Containers war May Feuer und Flamme. „Ich sah wortwörtlich das Licht. Ich sagte, jetzt weiß ich wie es sich anfühlt religiös zu sein.“ Ein halbes Jahr später trat May den Dienst als Berufsfeuerwehrfrau an. „Es fühlt sich gut an, dieses Ziel in meinem Leben zu haben. Das ist meine Mission.“
Die Arbeit als Feuerwehrfrau ist facettenreich. Für May sind es die Einsätze selbst, die Brandbekämpfung und die Vielseitigkeit ihrer Arbeit, die den Beruf so spannend machen. Aber genauso gehört für sie die Kameradschaft dazu. „Wir wohnen, essen, trainieren und arbeiten in einer Schicht für 24 bis 48 Stunden zusammen.“

Ausbildung und Alltag in Norwegen
May absolvierte einen großen Teil ihrer Qualifikationen bereits während ihrer Zeit beim Militär. Heute müssen Interessierte, die zur norwegischen Berufsfeuerwehr wollen, zwei Jahre Ausbildung in einer Akademie absolvieren, wovon ein halbes Jahr praktisch in einer Feuerwache stattfindet. Um aufgenommen zu werden, sind ein Highschool-Abschluss sowie ein sauberes Vorstrafenregister und ein Führerschein seit mindestens zwei Jahren Voraussetzung. Zusätzlich müssen Bewerber einen Gesundheits- und Fitnesstest bestehen.
Der normale Arbeitstag auf der Wache besteht für May aus einer 24-Stunden-Schicht. Morgens um acht Uhr übernimmt ihr Team vom vorherigen, doch sie ist gerne früher da, um sich noch mit den Kollegen auszutauschen. Tagsüber stehen dann Routinechecks, Wartungen und Trainings an – immer wieder unterbrochen von Alarmierungen. Jedes Teammitglied hat ein eigenes Zimmer zur Verfügung. Am nächsten Morgen erfolgt dann die Übergabe an die nächste Schicht.
In Deutschland stellen zu 95 Prozent freiwillige Feuerwehrler die vorhandenen Einsatzkräfte. 2023 kamen nach Angaben des Deutschen Feuerwehrverbands auf über eine Million Freiwillige etwa 39.500 Berufsfeuerwehrleute. Das norwegische System hingegen basiert hauptsächlich auf Voll- und Teilzeitkräften. Von etwa 12.000 Einsatzkräften ist etwa ein Drittel Vollangestellt und zwei Drittel arbeiten in Teilzeit. Teilzeitkräfte gehen dabei meistens einem anderen Hauptberuf nach, sind aber alle vier bis sechs Wochen für eine Woche in Bereitschaft.

Eiskalte Herausforderungen
„Wir haben einige Herausforderungen in Norwegen. Es ist ein großes Land, flächenmäßig größer als Deutschland, gleichzeitig leben hier aber nur 5,6 Millionen Menschen.“ Das Land ist geprägt von weitläufigen, ländlichen Gegenden, einer langen Küste und zahlreichen, kleinen Inseln. Die meisten Menschen leben zwar in urbanen Gegenden, trotzdem gibt es einige kleine Dörfer und Siedlungen, die sehr abgelegen sind. Dadurch entstehen große Flächen und lange Anfahrten, die von den Einsatzkräften abgedeckt werden müssen.
Die Winter in Norwegen sind lang und gerade in den nördlichen Regionen kommt die Sonne tagelang gar nicht über den Horizont. „Es ist sehr kalt, das ist ebenfalls eine Herausforderung, da Feuer, Wasser und Minusgrade keine besonders gute Kombination sind. Wir müssen aufpassen, dass das Wasser in den Schläuchen nicht gefriert.“ Nach Einsätzen verwandeln sich nasse Oberflächen schnell in gefährlich rutschiges Blankeis. Die Winterreifen der Einsatzfahrzeuge in Norwegen sind mit zahlreichen kleinen, direkt ins Gummi eingelassenen Spikes bestückt, um den eisigen Verhältnissen Stand zu halten. „Das persönliche Equipment friert ebenfalls ein, auch das Atemschutzgerät. Bei unserem letzten Einsatz im Februar mussten wir die Geräte mit kochendem Wasser auftauen.“
Gemeinsam stark
Neben den Herausforderungen im kalten Winter und der physischen Challenge, die die Arbeit in der Feuerwehr mit sich bringt, ist es gerade die mentale Seite, die den Zusammenhalt im Team unverzichtbar macht. „Wir sehen grausame Bilder, Verletzte bei Autounfällen oder Bränden. Es können Kinder involviert sein. Das hinterlässt Spuren“, sagt May.
„Zum Glück haben wir entsprechende Strukturen, um mit solchen Vorfällen umzugehen.“ Ein essenzieller Teil ist es, sich nach den Einsätzen im Team auszutauschen. „Wir können über alles reden. Wir vertrauen einander.“ Auf diese Weise ließe sich vieles verarbeiten. Aber nicht alles. „Manche Einsätze bleiben dir für immer im Kopf. Sie lassen dich nicht mehr los. Die schlimmsten Einsätze gehst du immer wieder durch. Hätte ich etwas anders machen können? Wäre das Ergebnis dann ein anderes? Aber ich denke, das ist ganz einfach menschlich.“
Ob May jeweils Zweifel an ihrer Entscheidung hatte, zur Feuerwehr zu gehen? Das „Nein“ kommt wie aus der Pistole geschossen. „Man hat das Gefühl, der Gemeinschaft etwas zurückzugeben. Das ist ein Job, den die Menschen wertschätzen. Du bist für Personen da, die wahrscheinlich gerade den schlimmsten Tag ihres Lebens haben.“ Die Dankbarkeit, die May in ihrem Alltag entgegengebracht wird, sei ein Teil dessen, was sie antreibt. „Das ist es wert.“











