Die Baustelle am Riemannhaus mit Wolken im Hintergrund
Handwerk
Autor: Karen Hanne
Fotos: Karen Hanne, Tanja Strobel

Baustelle über den Wolken

Umbau des Riemannhauses im Steinernen Meer

Steile Pfade führen zum Riemannhaus in den Alpen. Wie die Berghütte trotzdem mit Kran und Bagger umgebaut wird, erzählt Wirtin Tanja Strobel.

Schon seit Stunden, seit der Weg im Wald hinter Maria Alm begonnen hat, regnet es. Trotz Regenjacke und -hose fühlen sich die Klamotten auf der Haut klamm an. 1.000 Höhenmeter sind es, bis das Riemannhaus im Steinernen Meer erreicht ist. Dort wird trotz des Wetters fleißig gearbeitet. Drinnen wärmen sich Wanderer bei Tee, Kaffee und Bier auf. Draußen dröhnt der Presslufthammer. Das Riemannhaus wird umgebaut – eine Baustelle in 2.177 Metern Höhe, die besondere Herausforderungen mit sich bringt.

Arbeit in luftigen Höhen

Seit 1885 gibt es das Riemannhaus im Steinernen Meer. Das allererste Gebäude war für sieben Leute ausgelegt. Seitdem ist es mehrfach erweitert und umgebaut worden, die Kapazitäten stiegen stetig. „Gebaut wird jetzt dort, wo vorher das ursprüngliche Haus stand“, erklärt Pächterin und Wirtin Tanja Strobel. Bauherr ist der Deutsche Alpenverein (DAV), die Sektion Ingolstadt führt das Haus. Wo an einem regnerischen Wochenende im Juli noch viel Rohmaterial, ein Kran und ein Fundament zu sehen sind, soll bis 2025 ein neues Gebäude stehen. Mehr Platz für Wanderer und Bergsteiger, die übernachten wollen. Zuletzt bot das Haus laut DAV 34 Betten im Zimmer und 52 Plätze im Matratzenlager.

Ein Schild weist die Besucher darauf hin, dass das Betreten der Baustelle verboten ist

Helikopter statt Lastwagen

Bis dahin ist noch einiges zu tun. Von Anfang an stellt eine Baustelle in derart schwierigem Gelände eine riesige Herausforderung dar. Hintergrund: Das Steinerne Meer ist eine große Hochebene zwischen Saalfelden im Pinzgau und dem Berchtesgadener Land. Der Aufstieg von Maria Alm führt über steile Bergpfade, das letzte Stück ist mit Stahlseilen gesichert. Vom Tal aus links ragt das Breithorn in die Höhe, rechts türmt sich der Sommerberg auf. Dahinter erstreckt sich kilometerweit raues Karstgelände aus Kalkstein. Wie bekommt man nun einen Bagger, geschweige denn einen Kran zur Hütte?

Die Antwort: mit dem Helikopter. „Der Kran und der Bagger wurden in Einzelteilen hochgeflogen“, erinnert sich Tanja. Auch Material muss auf diese Weise aus dem Tal angeliefert werden. „Der Beton wird unten abgemischt, kommt in einen Eimer und wird hochgeflogen. Das dauert 50 Sekunden, das ist wirklich beeindruckend.“ Anschließend dreht der Hubschrauber eine Runde ums Haus und kehrt zurück ins Tal. „Das muss man können, die müssen unglaublich präzise fliegen“, zeigt sich die Pächterin beeindruckt.

Die Materialseilbahn kommt nur gelegentlich zum Einsatz. Doch die Versorgung mit dem Helikopter hat auch Nachteile. „Das ist natürlich alles wetterabhängig.“ Und das Wetter im Steinernen Meer meint es nicht immer gut. Regen und Gewitter ziehen ebenso schnell auf, wie sie sich wieder verdrücken. „Der Wind ist auch entscheidend dafür, ob geflogen werden kann.“ Das Haus liegt in einer Schneise zwischen Sommerstein und Breithorn und an der Kante zwischen Tal und Hochebene. Wenn der Wind pfeift, dann dort. Zudem fliegen die Piloten auf Sicht – schwierig, wenn das Tal voller Nebel und Wolken hängt.

Der Kran am Riemannhaus ist schon von weitem zu sehen

Eine sportliche Angelegenheit

Material und Werkzeug sind nutzlos, wenn die Arbeitskräfte fehlen. Die Arbeit am Bau ist ohnehin körperlich anstrengend. Die Extra-Challenge kommt dann, wenn der Arbeitsweg ab der Seilbahn 600 Höhenmeter umfasst. Natürlich müssen die Handwerker das nicht jeden Tag auf sich nehmen. „Sie bleiben von Montag bis Freitag bei uns auf der Hütte“, sagt Tanja. Der Helikopter kann ihnen den Aufstieg zum Wochenstart nicht abnehmen. Er darf aus Umweltschutzgründen nicht so oft fliegen.

Oben auf der Baustelle sind die Arbeiter den gleichen Umweltbedingungen ausgesetzt wie die Bergsteiger. Daher brauchen sie eine ähnlich gute Ausrüstung. Von warmen Wochen voller Sonnenschein bis hin zu Tagen, an denen der Regen einfach nicht aufhören will, ist alles dabei. „Das ist das Leben auf der Hütte“, meint Tanja.

Die Baustelle am Riemannhaus

Ressourcenknappheit in der Höhe

Eines macht ihr, aber auch den Gästen und Handwerkern das Leben auf der Hütte besonders schwer: der Wassermangel. Wie viele Berghütten ist auch das Riemannhaus nicht an eine Wasserversorgung angeschlossen, wie man es aus dem Tal gewohnt ist. „Trinkwasser kommt größtenteils mit dem Helikopter oder der Seilbahn“, sagt die Pächterin. Alles andere: Schmelz- und Regenwasser. „Ich geh‘ im Frühjahr hoch und schließ die Dachrinnen zusammen, damit wir das geschmolzene Schneewasser vom Dach haben.“ Später im Jahr hängt alles von Regenfällen ab, die über das Hüttendach gesammelt werden.

In der Hütte hängen viele Hinweisschilder, die auf die Wasserproblematik aufmerksam machen. Leider gebe es dennoch genug Gäste, die sich komplett im Waschraum waschen und keine Anstalten machen, Wasser zu sparen. Es ist eine Zwickmühle. Bei regnerischem Wetter gibt es mehr Wasser auf der Hütte, aber oft auch weniger Gäste. Bei blauem Himmel und Sonnenschein ist das Haus schnell ausgebucht, doch dann wird das Wasser knapp. „Ich würde mir tagsüber Sonnenschein und nachts Regen wünschen.“

Tanja Strobel und ihr Team

Den Traum wahr gemacht

Tanja und ihre Tochter Hannah bewirtschaften die Berghütte bereits seit zwei Jahren. Das Mutter-Tochter-Gespann hat sich damit einen Traum erfüllt. „Ich wollte schon immer auf eine Hütte“, sagt Tanja. Als ihre Tochter nach der Schreinerausbildung nicht so recht wusste, was sie machen will, kam prompt der Vorschlag: Übernimm doch eine Hütte. Der Kompromiss von Hannah: „Wenn du mir hilfst, dann mach‘ ich das.“ Gesagt, getan, haben die beiden Frauen ihren Traum zur Realität gemacht.

Tanja arbeitet eigentlich im Vertrieb bei einem großen Unternehmen, hat sich für die Zeit auf dem Riemannhaus aber ein Sabbatical genommen. Ihren Traum zu leben hat Priorität. „Das hast du sonst dein Leben lang im Kopf.“ Scheitern könne man immer, aber es nicht zu versuchen hieße ebenfalls zu scheitern. „Das hat so viel Spaß gemacht, die meisten vom Team sind auch wieder dabei“, erzählt sie. Ehemalige Angestellte, die in der zweiten Saison nicht mehr mitarbeiten konnten, besuchen das Riemannhaus immer wieder. „Ich bin total verliebt in den Ort, ich sage immer, es ist ein magischer Ort.“ Ob sie das Riemannhaus auch weiterhin pachten und bewirtschaften werden? Für die kommenden Jahre, vor allem, wenn die Baustelle fertig ist, sei das schon der Plan. „Aber man weiß ja auch nie, was die Zukunft bringt.“ Ein Ziel ist sicher: 2025 soll das Riemannhaus in neuem Glanz erstrahlen und müden Wanderern wie hungrigen Bergsteigern eine warme Unterkunft bieten.

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