Timm Buckley deutet mit den Fingern auf den Holzblock
Handwerk
Autor: Hanno Meier
Fotos: Hanno Meier

Der Maskenschnitzer vom DeiflsWerk

Schaurige Hexen, wilde Perchten, verführerische Weibsdeifl und furchteinflößende Krampusse! „Die gab’s in der Oberpfalz schon immer“, sagt Timm Buckley. Der gebürtige Regensburger, den die Liebe nach Neunburg vorm Wald verschlug, gibt ihnen ein Antlitz.

Wenn der knapp Zwei-Meter-Mann auf einen seiner Holzstämme schaut, dann blickt er in das Gesicht, das sich darin verbirgt. „Da!“, sagt er und deutet auf eine Einkerbung in der Rinde, „hier die Augen, dazwischen die Nase, schief und krumm, der Mund mit den faulen Zähnen, die runzelige Stirn“. Während der Betrachter vergeblich den Indizien für das hölzerne Konterfei zu folgen versucht, knattert bereits Timms 250er Stihl. Der Kernschnitt ist gesetzt, damit die Maske nicht mehr reißen kann. Sägespäne fliegen, Holzabschnitte fallen. Kettenzähne flirren. Minuten später schaut eine grobe Gesichtskontur aus dem Zirbenholz.

Timm Buckley sägt in seiner Werkstatt

Pösing im Oberpfälzer Wald, 1. Dezember. Die Nacht glitzert dunkel in den tief gefrorenen Schneekristallen. Oben, auf dem Hügel hinter dem Friedhof, züngeln schon die Lagerfeuer. Das Dorf trifft sich zum ersten Adventsmarkt. Hinter der kleinen Bühne schellen Glocken, rasseln Ketten. Wilde Gestalten mit zotteligen Mänteln, schwarzen Überwürfen und schweren Stiefeln mit üppig aufgedoppelter Sohle huschen aus den Ecken. Plötzlich schwappt Unruhe durchs schauende Volk. Gruselige Masken mit wilden Bärten, krummen Nasen und langen Hörnern werfen Töne und Schatten in den Hexenring. Es ist Zeit für DeiflsWerk.

Die Perchten bei einer ihrer Shows

Kaum eine Region, kaum ein Landstrich in Bayern, der nicht seine eigenen, gefährlichen Wesen kennt. Dunkle Geschöpfe, finstere Burschen, die sich gern in der Nacht herumtreiben und so manchen Schabernack anstellen. So wie Timm selbst, wenn er unter seine Maske schlüpft und mit seiner Perchtengruppe „Deiflswerk“ die Leute wild tanzend, gestikulierend und mit funkensprühendem Feuerspiel frösteln lässt.

Seit Jahren ist Timm Buckley als furchteinflößender Krampus unterwegs. 2012 war er Mitbegründer der Perchtengruppe „Schwarzachtal Pass“, die mit ihren spektakulären Aufführungen an altes Brauchtum und Tradition anknüpft. Ob in der Vorweihnachts-, der Krampuszeit oder in den gefährlichen Raunächten, von denen es in seiner Heimat viele im Jahr gibt.

Timm Buckley steht hinter drei seiner Masken

Zwölf Jahre ist es her, seit der gelernte Schreiner sein Talent im Maskenschnitzen und deren Restauration zum Vollzeit-Hobby machte. Sein unverkennbarer Stil sind die „Wilden Teufelsmasken“, bei denen er diabolische Tradition mit modernen Ideen verschmelzt. Motive, die vom „Krampus mit eher menschlichen Zügen“ bis zu den übertrieben groß geschnitzten Hexen und Perchten mit krummen Nasen, langen Hörnern und zotteligen Fellen bedeckt, reichen. Fratzen, die den Winter austreiben, manchmal Geißbock-ähnlich, manchmal eher wie die „bluadige Luazier“.

Sein Holz sei die Zirbe, sagt Timm. Das wächst sehr langsam, ist daher selten und teuer. Er hebt den hölzernen Rohling einer Maske vom Werkstatt-Tisch. Das hier sei Weymouth-Kiefer, auch Seidenföhre genannt, ebenfalls hervorragend geeignet und dabei viel nachhaltiger. Gestern hat er die Holzarbeiten daran abgeschlossen. Jetzt geht’s an‘s Maskenbildnern: Hörner ansetzen, Haare aufkleben, Schminken, Glasaugen einsetzen. Die Augen stammen aus dem menschlichen Prothesen-Asservat, sind grün, gelb, blau, rot und sehen zum Verwechseln echt aus.

Timm Buckley bemalt eine Maske

Oft bestellen Gruppen bei Timm, die mit ihren Masken genauso als solche erkennbar sein wollen wie Timms DeiflsWerk. Dann kommen die Leute gerne in seine holzgetäfelte Ideenwerkstatt mit den Planken des alten Schloss-Stadels an den Wänden und dem Bierbaum, der seinen „Gerstensaft“ aus dem Fass hinter der Mauer speist.

„Die Leute bringen schon mal eine Idee mit, oder lassen sich von Bildkatalogen inspirieren“, sagt er. Alles andere ergibt sich wie von selbst, wenn der Künstler die Mimik der Maske aus dem Holz feilt. Genauso wie beim Auftritt seiner „DeiflsWerk“-Gruppe. Natürlich ist die Geschichte der Aufführung mit viel Aufwand eingespielt. Aber wenn das Spiel seine Schatten wirft, die Perchten mit ihren leuchtenden Augen wild im Kreis stampfen und die Funken sprühen, dann werden die alten Mythen und ihre schaurigen Gestalten so leibhaftig wie die gruseligen Schauer, die den Besuchern über die Rücken schaudern.

Vorheriger Beitrag
Baustelle über den Wolken
Nächster Beitrag
Mit Herz und Hammer

Das könnte dich auch interessieren