Maren Kogge winkt den Menschen auf dem Christopher Street Day zu
Handwerk
Lesen
Autor: Inge Fuchs
Fotos: Inga Geiser, Michael Gottschalk

Buntes Handwerk

Miss Handwerk 2023 Maren Kogge über Diversität im Handwerk

Was macht eine Kirchenmalerin auf dem Christopher Street Day in Köln? Für Maren Kogge ganz klar: Größe zeigen und sich für Diversität einsetzen. Die amtierende Miss Handwerk ist Mitbegründerin der Initiative „Buntes Handwerk“ und setzt ihre Stimme für Diversität und gegen Diskriminierung ein. Ein Interview über Herausforderungen und Chancen.

Maren Kogge bei ihrer Arbeit als Kirchenmalerin

Die Kirchenmalerei ist eine Jahrtausende alte Kunst. Wie verstaubt ist dieses Gewerk in Sachen Diversität? 
Das Image des Handwerks ist im Allgemeinen etwas eingestaubt und genau das gilt es zu ändern. Der ein oder andere alte Künstler wäre sicherlich überrascht, dass zum Beispiel eine Frau heutzutage seine Fresken restauriert. Wir arbeiten mit historischen Werkzeugen und Techniken, aber mit modernen Sichtweisen. Was wirklich zählt ist Leidenschaft für das Handwerk.

Warum ist dir das Thema Diversität so wichtig? Wurdest du persönlich schon mal aufgrund deines Geschlechts diskriminiert?
Diversität bedeutet für mich Vielfalt und Vielfalt ist ein Geschenk. Diskriminierung widerfährt mir immer wieder auf der Baustelle und sei es nur wenn ein Bauleiter oder Architekt mehr mit dem Praktikanten spricht als mit mir oder auf der Suche nach dem Chef ist. Da stehe ich dann souverän vor Ihnen und antworte: „Die Chefin steht vor Ihnen.“ Es passiert auch häufig, dass nachgefragt wird, ob ich eine Fachkraft bin und auch wenn ich das bejahe, kommt oft noch die Nachfrage, ob denn noch jemand Qualifiziertes käme.

Wie sieht für dich Diversität im Handwerk aus? Was wäre deine Wunschvorstellung? 
Diversität im Handwerk bedeutet für mich, dass Betriebe und Mitarbeitende erkennen, dass ein bunt gemischtes Team viel Mehrwert bietet. Es führt zu einem positiveren Betriebsklima, zu neuen Gesprächen, neuen Eindrücken und dem Erweitern des eigenen Horizonts. Ich denke, dass Jede:r ein gesteigertes Interesse nach Sicherheit hat. Beispielsweise kam letztens ein schwules Paar auf mich zu und erzählte mir, dass sie sich während ihrer Hausrenovierung zu jedem Zeitpunkt mit den anwesenden Handwerkern in ihrem Haus unwohl gefühlt hätten. Das ging so weit, dass sie sogar ihr Hochzeitsfoto abhängen wollten. Wie schön wäre es, wenn Betriebe zu Orten werden an denen Jede:r willkommen und sicher ist. Sowohl für Mitarbeitende als auch für die Kundschaft ein Gewinn. Diversität kann ganz klar die größte Stärke jedes Unternehmens sein.

Maren Kogge und Jule Rombey beim Christopher Street Day in Köln

Woran hakt es deiner Meinung nach noch? Wie schafft man Veränderung?
Es braucht gute Aufklärungsarbeit. Denn jeder Mensch kann geschult werden, in Themen, die ihm vielleicht bislang nicht zugänglich waren. Diversitäts-Workshops wären ein guter Anfang. Ich bin überzeugt, dass man Toleranz lernen und Barrieren abbauen kann.

Welche Unterstützung können Auszubildende oder junge Menschen aus unterrepräsentierten Gruppen erwarten, die eine Karriere im Handwerk anstreben?
Wir unterstützen als Buntes Handwerk bei der Suche nach passenden Ausbildungsplätzen und fungieren auch als Schnittstelle zu den gängigen Ausbildungsberatungen. Falls jemand bereits in einem Betrieb ist, in dem er unglücklich ist, ist das kein Grund sich ein dickeres Fell zulegen zu müssen oder einen Haken hinters Handwerk zu setzen. Denn es gibt den Betrieb, der dich nimmt wie du bist und es gibt für Jede:n einen Platz.

Was hat es mit deiner Initiative „Buntes Handwerk“ auf sich?
Gemeinsam mit vielen tollen anderen Handwerker:innen habe ich dieses Jahr die Initiative „Buntes Handwerk“ ins Leben gerufen. Unsere erste Aktion und Premiere haben wir dieses Jahr auf dem Christopher Street Day in Köln mit 1,4 Millionen Menschen gefeiert. Mit auf unserem selbst gebauten Truck und in der Fußtruppe waren 110 Handwerker:innen aus verschiedenen Branchen aus ganz Deutschland. Zusammen haben wir ein Zeichen gesetzt: für Menschenrechte, Gleichberechtigung, Toleranz, freie Liebe und eine freie Berufswahl.

Du warst am Christopher Street Day in Köln mit einem eigenen Truck und vielen bunten Menschen vertreten. Welche Eindrücke hast du mitgenommen?
Ich habe immer noch unglaublich viele Glücksgefühle in mir und bin gerührt, wenn ich an diesen Tag zurückdenke. Alle waren voller Lob für das, was wir auf die Beine gestellt haben, und das war nicht nur einen 40-Tonner in zwei Tagen umzubauen, sondern auch die Inhalte und die Messages, die wir verbreitet haben. Ein Statement für Offenheit und gegen traditionelle Stigmatisierungen von uns Handwerker:innen fürs Handwerk, das schon so lange überfällig war. Alle Hände gehören ins Handwerk und Vielfalt ist eindeutig unser bestes Werkzeug gegen Intoleranz.

Diversity? Machen sie lieber etwas, das einem nicht so schwer im Magen liegt.

Du nutzt als amtierende Miss Handwerk deine Stimme und sprichst auf allen möglichen Veranstaltungen über Diversität. Welches Feedback erreicht dich? 
Ich bekomme heute so viel positives Feedback, E-Mails und Nachrichten und das bestärkt mich darin, dass es so wichtig ist, was wir tun. Das war nicht immer so. Kommentare zu Diversity waren: „Das sieht man jetzt doch ständig in der Werbung oder in Disney Filmen – es reicht doch auch mal!“; „Brauchts das noch wirklich?“; „Scheint irgendwie ein Trend zu sein.“

Es gab aber auch Menschen, die kurz vor meiner Wahl etwas expliziter wurden und sagten: „Diversity? Also wenn sie Miss Handwerk werden wollen, dann machen sie lieber etwas, das einem nicht so schwer im Magen liegt. Etwas, das leichter verdaulich ist, wäre gut.“; „Sie sind Kirchenmalerin Frau Kogge meinen Sie da bekommen sie noch Aufträge?“; „Ehrlich gesagt das könnte dünnes Eis für ihre Karriere bedeuten.“

Den Rest erspare ich euch. Aber ihr seht es gab Menschen, die mir Angst machen wollten, die mich einschüchtern wollten. Ich dachte mir: Ich lass es drauf ankommen.
Denn genau diese Angstmache lassen wir nicht mehr zu! Wir zeigen gemeinsam, dass Diskriminierung keine Meinung ist und dass Haltung zeigen nicht nur etwas mit Körperspannung zu tun hat. Um es mit den Worten der Streetart-Künstlerin Barbara zu sagen: Hass ist krass, aber Liebe ist krasser.

Wie gehst du mit Kritik und vielleicht sogar Hass-Kommentaren um? 
Konstruktive Kritik nehme ich sehr gerne an. Hass-Kommentare reposte ich nicht in meinen Storys, denn diesen Menschen möchte ich gar keine Plattform geben. Wenn es immer mehr Menschen gibt, die bei einem schlechten Witz nicht mehr lachen, die ihren Mund bei Ungerechtigkeit aufmachen und sich solidarisch zeigen, dann werden Stimmen von Hass immer leiser. So be an Ally.

Wer oder was ist ein Ally?

Das Wort kommt aus dem Englischen (Aussprache: /ˈæl.aɪ/) und bedeutet übersetzt so viel wie „Verbündete“. Ally ist laut Definition eine heterosexuelle und cisgeschlechtliche Person, die queere Menschen unterstützt und sich für deren Anliegen einsetzt.

Maren macht sich besonders für die FLINTA-Community stark. Sie erklärt uns, wer damit gemeint ist und was der Unterschied zu LGBTQIA+ Community ist.

Dafür muss ich jetzt etwas ausholen.  FLINTA* (Frauen, Lesben, Inter-, Nichtbinär, Trans- oder ageschlechtlich) bedeutet eigentlich alles, was nicht cis männlich ist.
Sowohl weiblich sozialisierte, von der Gesellschaft weiblich markierte als auch sich selbst weiblich präsentierende Personen. Sexualität spielt dabei keine Rolle. LGBTQIA* schließt auch cis Männer und schwule cis Männer mit ein. Der Begriff FLINTA* ist also wichtig, um auf patriarchale Machtstrukturen aufmerksam zu machen. Das ist jetzt bestimmt für viele komplex, aber es ist eben ein komplexes System und auch ich lerne ständig etwas dazu und bin neugierig. Unterm Strich geht es mir darum, dass es marginalisierte und mehrfach marginalisierte Menschen gibt. Und am Ende des Tages sind wir alle eins: nämlich Menschen.

Mehr Infos zu Diversität, besonders im Handwerk, gibt‘s auf den Instagram-Kanälen von buntes.handwerk und malermeisterin.maren

Vorheriger Beitrag
Als Handwerker in Kanada
Nächster Beitrag
Baustelle über den Wolken

Das könnte dich auch interessieren